Merum: schreibt: “Wo krieg ich hier eine gute Grappa? Hast du mir einen guten Tipp?”
Diese Frage stellt sicher jeder Dritte, der mich hier in der Toskana besuchen kommt.
Meine stereotype Antwort, “tut mir leid, hier gibts keine gute Grappa”, wird wohl meist, so fürchte ich, als Verschrobenheit interpretiert.
Dieses Dossier hat den Zweck, den Grappa-Freunden zu erklären, weshalb meine Antwort jeweils so kategorisch ausfällt und ich ihnen etwas rücksichtslos die Illusion nehme, eine gute Grappa müsse doch überall in Italien aufzutreiben sein.
Gute Grappa ist nicht eine verbreitete italienische Spezialität, sondern eine norditalienische und erst noch eine äußerst rare. Außer einem verrückten Sizilianer (Giovi), der am Fuße des Ätnas mit einer Bravour destilliert, als wärs ein Schwarzbrenner aus dem Val di Cembra, sitzen die guten Brenner alle in den Alpen- und Dolomitentälern Norditaliens.
Leider sind die Toskaner längst nicht die einzigen, die nicht wissen, wie deliziös Grappa schmecken kann. In der Bar, an dessen Theke der Italiener seinen “caffè” zu sich nimmt, ist das Gestell über der Espressomaschine vollgestellt mit Markenprodukten der Schnapsindustrie.
Während die verschiedenen Campari, Fernet, Aperol, Wodka, Whisky, Gin, etc. alle genau so schmecken, wie man das von ihnen erwartet, ist die Grappa in aller Regel von übelster Güte. Das kommt daher, dass die Industriedestillate nach wiederholbaren, industriellen Rezepten aus problemlos beschaffbaren, unverderblichen Grundstoffen gebraut werden, das Ausgangsprodukt der Grappa hingegen rasch verderbliche Traubentrester sind.
Leider lässt sich zur Grappa nichts anderes sagen als zum Olivenöl: Mindestens neun von zehn Flaschen sind für Menschen mit einem gewissen Respekt vor ihren Sinnesorganen unzumutbar. Meist wird versucht, den Übelgeruch verdorbener Trester durch künstliche Aromatisierung und Zuckerung zu überschminken, aber für den Freund guter Destillate wird das Getränk dadurch nur noch schrecklicher.
Nein, Grappa-Kultur herrscht nur in kleinen Reservaten im Südtirol, Trentino, Veneto und noch kleineren im Friaul, in der Lombardei und im Piemont. Dort findet man sehr begrenzte Mengen einmalig komplexer und duftiger Grappa, die mit dem Zeug, was in Italien und im Ausland unter gleichem Namen angeboten wird, nichts zu tun haben.
Mit diesem Grappa-Dossier wollen wir den Grappa-Freunden dabei helfen, den Weg zu herrlichen Tresterbränden und vertrauenswerten Brennern ohne frustrierende Umwege zu finden. Viel Vergnügen bei der Lektüre wünschen wir nicht nur allen Grappa-Freunden, sondern auch den Lesern, die Grappa bisher verschmähten. Vielleicht gelingt es uns, mit diesem Dossier Neugier auf gute Grappa zu wecken.
Link: Merum