Merum testet Chianti und Chianti Classico
Chianti Classico: Etwas „Besseres“ soll er sein -> Kommentar aus der letzten Merum Selezione von Andreas März von Merum:
“Wir verkosteten die Jahrgänge 2004 und 2005. Der 2004er ist dem 2005er in der Struktur überlegen, der 2005er hingegen dafür geeignet, trinkige Essensbegleiter abzugeben. Zumindest in der Theorie, denn der Jahrgang hat heute für den Weincharakter kaum mehr Bedeutung… Die 2004er wurden bereits in Merum 4/2006 bewertet. Ich hatte nach der Verkostung befürchtet, dass wir mit den Weinen zu streng waren und sie möglicherweise zu kurz nach der Abfüllung unter die Lupe genommen hatten. Deswegen legten wir die 2004er zur Seite, um sie ein Jahr später – jetzt – ein zweites Mal zu verkosten.
Gleichzeitig baten wir die Winzer, uns nicht nur die 2005er, sondern auch ihre noch zum Verkauf stehenden 2004er zu schicken: 60 Chianti vom Jahrgang 2004 wurden neu angestellt, 83 waren noch vom letzten Jahr da, insgesamt verkosteten wir für diese Selezione 143 Weine dieses Jahrgangs.
Leider kamen die 2004er bei der Zweitverkostung nicht besser weg als vor einem Jahr. Im Gegenteil: Nur zwei 2004er erhielten eine bessere Note, 23 gefielen uns weniger gut, die anderen erhielten eine unveränderte Bewertung. Damit die Leser nachfolgend erkennen können, ob es sich um eine Flasche vom Vorjahr oder um eine neu angestellte handelt, steht bei allen noch im Verkauf befindlichen Weinen die Information: „Musterflasche 2007 angestellt“. Bei den 2004ern vom Vorjahr steht kein Kommentar.
Zu unserem Erstaunen stellten wir fest, dass es leichter war, die 2004er zu bewerten als die 2005er. Bei den um ein Jahr reiferen Weinen lässt sich viel besser unterscheiden, was man trinken kann und was nicht, was unentfaltetes Potential war und was Schminke. Vor allem neues Holz, das vor einem Jahr von der Frucht noch in Schach gehalten wurde, drängt sich nun anoxidiert in den Vordergrund.
Fremde Farbe, fremde Tannine, fremde Aromen und fremder Geschmack… immer mehr Chianti Classico wirken unecht und gekünstelt. Sie widerspiegeln weder ihre Appellation, noch den Jahrgang, noch die Sorten. Zufallsprodukte sind diese Weine aber nicht, sie wurden kreiert für einen Weintrinker, den es offenbar wirklich gibt und der den Wein so will.
Von dieser Künstlichkeit sind Weine aus ganz Italien betroffen. Die Weine, die ich trinken mag, werden immer weniger. Was für mich absolut kein Grund zum Verzweifeln ist. Im Gegenteil: Das verleiht der Rolle der Merum Selezione, nämlich Weine zu selektionieren, die ihrem Ursprung, der Tradition, der Sorte und dem Jahrgang treu sind, ein zunehmendes Gewicht. Ich hoffe natürlich, dass wir im Sinne unserer Leser handeln, wenn wir uns nicht vom Trend treiben lassen, sondern unsere Position halten. Leider bedeutet das, dass wir Ihnen immer weniger Weine empfehlen können: Nur 15 von 243 verkosteten Weinen entsprechen meiner Vorstellung dessen, was ein guter Chianti Classico ist, und weitere 44 Weine kommen ihr zumindest nahe. Aber 184 Chianti Classico der Jahrgänge 2004 und 2005 halte ich gemessen an meinen Vorstellungen für missglückt.
Manchmal hält man mir vor, dass meine Ansichten über toskanischen Wein antiquiert seien, dass die Welt sich bewege, dass alles im Wandel sei, dass auch ein Weinklassiker wie der Chianti Classico sich verändern müsse… Diesen Leuten kann ich nur sagen: Möglicherweise haben Sie recht! Ich kann aber nicht anders, ich kann mich nicht zwingen, einen schwarzroten, nach Ruß und Cabernet duftenden, sich im Mund breiig anfühlenden Chianti gut zu finden. Ich kriege solches Zeug einfach nicht runter und ich weiß, dass es ein paar anderen Weinfreunden auch so geht.
Die Winzer, die in der Toskana nur einfach Wein machen wollen, guten, typischen, toskanischen Wein, sind eine Minderheit geworden. Statt Wein versuchen immer mehr Produzenten mit Unterstützung ihrer fliegenden Önologen etwas „Besseres“ zu machen… etwas „Besseres“ als Wein.”
Quelle: http://www.merum.net/de/07selez_app.lasso?passacod=MR_757

